Napoleon in Sieghartskirchen

Napoleon in Sieghartskirchen

Wie schon am 12. November 1805 hatte Napoleon auch am Abend des 9. Mai 1809 in Begleitung von General Colbert sein Quartier im Pfarrhof von Sieghartskirchen aufgeschlagen. Das sogenannte Napoleon-Zimmer ist heute noch zu sehen. Er bestimmte Hauptmann Vegie zum Platzkommandanten. Insgesamt wurden hier vom 8. Mai bis 18. Dezember 1809 französische Soldaten einquartiert. Zwei österreichische Landwehrkompanien mit 220 Mann waren in der Umgebung von Sieghartskirchen stationiert. Am 8. Mai traf Marschall Davout mit seinem Korps in St. Pölten ein. Bei dem Eintreffen der ersten Franzosen zogen sich die Landwehrmänner in Richtung Tulln zurück. Am 9. Mai kam General Oudinot nach Sieghartskirchen. Die französische Armee, mit Marschall Lannes, den Generälen Oudinot und Tharreau, befand sich zwischen Sieghartskirchen und Ried am Riederberg, an den Ausläufern des Wienerwaldes. Die Division um General Hilaire lag zwischen Diendorf am Kamp und Sieghartskirchen. Die Ortschronik berichtet: Drei österreichische Offiziere, die im Gasthof zum Mohren gefangengehalten wurden, konnten vom Mohrenwirt Florian Mayer und dem Schulmeister Michael Priestersperger befreit werden, indem sie die beiden wachhabenden französischen Soldaten mit Wein betrunken machten. Der Fuhrwerker Matthias Wallner aus Groß-Enzersdorf brachte die befreiten Offiziere nach einer gefährlichen Fahrt zur Donau bei Tulln, wo sie sich übersetzen ließen und nördlich der Donau wieder zu den österreichischen Truppen stießen. Der Gasthof Zum Mohren sowie der Weinkeller sind heute noch vorhanden. Über St. Pölten und Sieghartskirchen erreichten die Truppen der Garde, das 2. und 4. Korps und die Kavallerie am 10. Mai den Wiener Vorort Mariahilf. Am selben Tag wurden 600 französische Chasseure beim Kärntnertor in Wien gesichtet. Am Nachmittag des 10. Mai zog Napoleon im Schloß Schönbrunn ein. Am 11. Mai wurde Wien erstmals mit Haubitzen beschossen. Der Verteidiger Erzherzog Maximilian war seiner Aufgabe nicht gewachsen und flüchtete am 12. Mai über die Taborbrücke in Richtung Norden. Tags darauf kapitulierte Wien. Am 13. Mai wurde von den Franzosen versucht, die Donau bei Nußdorf zu überqueren. In dem Gefecht bei der Schwarz-Lackenau unter O'Brien konnte dieser Versuch abgewehrt werden. Jetzt suchte Napoleon einen neuen Übergang zu finden, um Erzherzog Karl, der seine Truppen mittlerweile im Marchfeld ausdehnen konnte, zum Kampf zu stellen. In Kaiser-Ebersdorf wurde ein Platz gefunden, der sich dafür eignete. Vier Brücken wurden geschlagen und am 18. Mai war alles für den Übergang bereit. Am 19. Mai schreibt Napoleon aus Kaiser-Ebersdorf an Marschall Davout: "...daß er den Befehl an General Pajol geben soll, ein Kavallerieregiment in die Umgebung von Tulln zu senden oder zur Unterstützung von General Vandamme nach Sieghartskirchen, der sich von Mauthausen aus in Richtung Wien befindet". Gleichzeitig schreibt er an General Gudin, der als Kommandant des 3. Korps sich in Sieghartskirchen aufhält: "Es geht der Befehl an General Gudin Sieghartskirchen morgen um drei Uhr früh zu verlassen, um um neun Uhr vormittag in Nussdorf zu sein, und das linke Donauufer zu beobachten." Am 21. Mai am frühen Nachmittag kam es zu ersten Kampfhandlungen zwischen der österreichischen und französischen Armee in Aspern. Erzherzog Karl verabsäumte, die Franzosen am 22. zu verfolgen oder wenigstens zu bombardieren. Schon am 23. Mai unternahm aber Napoleon alles, um seine desolate Armee mit Lebensmittel zu versorgen und frische Truppen nach Kaiser-Ebersdorf heranzuziehen. Erzherzog Karl war mit dem Erreichten zufrieden und erwartete Friedensgespräche, die jedoch nicht stattfanden, im Gegenteil, Kaiser Franz war der Meinung, ein weiterer Waffengang würde Napoleon komplett vernichten und ordnete seine Armee in neuen Positionen auf der Linie Korneuburg bis Deutsch-Wagram. Am 30. Juni war das 8. Korps mit den Württembergern unter Vandamme über St. Pölten und Sieghartskirchen in Wien eingerückt und nach Kaiser-Ebersdorf marschiert, um die Hauptarmee zu verstärken. Bernadotte stand mit seinem 9. Korps noch in St. Pölten. Am 4. Juli kam es zum neuerlichen Übergang der französischen Armee und am 5. standen sich beide Armeen wieder gegenüber. Mit insgesamt 300.000 Mann begannen die Kämpfe, womit die Schlacht bei Wagram zur bisher größten Schlacht Napoleons wurde. Am 6. Juli gelang es Napoleon bei Ober-Siebenbrunn die Österreicher zu umgehen, wodurch sich seine Position stark zu seinem Vorteil veränderte. Erzherzog Karl befahl den Rückzug, der über Korneuburg, Stockerau und Ober-Hollabrunn nach Znaim führte. Hier kam es am 10. Juli zu weiteren Gefechten, die aber unterbrochen wurden, da es zu Friedensgesprächen kam und am 12. Juli mit einem ersten Vorschlag endeten.
Am 19. November verließ die französische Armee Wien und zog zum größten Teil wieder über Sieghartskirchen in Richtung Linz und Bayern. Am 2. April 1810 vermählte sich Napoleon mit Erzherzogin Marie Louise, die kurz vorher in Begleitung von Marschall Berthier über Sieghartskirchen in Richtung Paris unterwegs war.
Das Jahr 1809, das so optimistisch begonnen hatte, schloß mit dem größten Desaster der Habsburgmonarchie. Erst 1815 beim Wiener Kongress konnte Österreich wieder seine frühere Rolle in Europa einnehmen. Der Ort Sieghartskirchen war somit Zeuge von gravierenden negativen Veränderungen, die auch durch Berichte von Plünderungen in den umliegenden Orten belegt sind.

Über Sieghartskirchen:
Im Jahre 1621 wurde in Sieghartskirchen eine Poststation an der Wiener Reichsstraße eingerichtet, die bis zur Erbauung der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert eine bedeutende Rolle spielte. Hier standen 10 bis 15 Pferde zum Auswechseln bereit. Denn lange Zeit führte die von Wien nach Westen führende Hauptverkehrslinie durch den Ort. Die Fahrzeit mit der Postkutsche nach Wien betrug fast 6 Stunden. Durch die Poststation wurde Sieghartskirchen seit etwa 1700 ein beliebter Übernachtungsort. Heute zählt der Ort ca. 7000 Einwohner und ist etwa 28 km von Wien und 29 km von St. Pölten entfernt.

Berühmte Persönlichkeiten hielten sich im Ort auf, wie König Karl XII von Schweden und Marie Antoinette, die mit 57 Kutschen nach Versailles unterwegs war. Kaiser Franz erwartete im Posthaus nach der Abdankung Napoleons Marie Luise und begleitete sie nach Wien. 1814 reisten die Teilnehmer des Wiener Kongresses mit Kaiser Franz, Zar Alexander und König Friedrich von Württemberg über Sieghartskirchen nach Wien.