Wo starb Marschall Lannes wirklich?

„Probleme, die sich selbst einer Lösung zuführen, sollte man nicht schweigend ad acta legen. Als Richtschnur bietet sich das mutmaßliche Sterbehaus von Marschall Jean Lannes an, der in der Schlacht von Aspern erlittenen Verwundung im einstigen Brauhaus von Kaiserebersdorf am 31. Mai 1809 starb. Auf Beschluß des Vorstandes des damaligen „Alt-Simmeringer-Clubs“ (heute Museumsverein) unter dem Vorsitz von Bezirksvorsteher-Stellvertreter Franz Zahalka wurde 1955 zur Profilierung des neugegründeten Bezirksmuseums (damals Braunhubergasse 3) die Anbringung einer Gedenktafel an dieser Gedenkstätte beschlossen. Immerhin ein problematischer Beschluß, da im Areal der Brauerei zwei Gebäude involviert waren, beide mit der Bezeichnung Mailergasse 5, die in Betracht gezogen werden mußten, das gesuchte Sterbehaus zu sein: Das eine, links nach der Einfahrt, an dem dann auch die Gedenktafel angebracht wurde (versank 1989 unter den Schlägen der Spitzhacke), und das gegenüberliegende mit der heutigen Nummer 12. Sogleich, als sich die geplante Gedenktafelenthüllung in der Bevölkerung herumgesprochen hatte, wurden Stimmen laut, die die Anbringung am Haus Nr. 12 befürworteten. Es war das komfortablere und vermutlich auch das Herrenhaus und die einstige Wohnstätte des Braumeisters Johann Georg Uhl. Diese Meinung vertraten nicht nur ich, damals noch Lokalhistoriker im Anfangsstadium und Leiter des neugegründeten Bezirksmuseums, sondern auch der damalige Bezirksrat Stefan Achatz, profunder Kenner aller mündlichen Überlieferungen seines Heimatortes Kaiserebersdorf, und weitere zahlreiche alteingesessene Ebersdorfer. Die wohlgemeinten Proteststimmen verhallten ungehört.

Am 31. Mai 1955 enthüllte der Wiener Stadtkommandant der französischen Besatzungstruppen, der mit einem Musikzug und einer Ehrenkompanie zur Feier erschienen war, die umstrittene Gedenktafel. Stadtrat Bauer nahm sie in die Obhut der Stadt Wien. Seit fast vier Jahrzehnten sind die flotten Fanfaren des Musikzuges der französischen Armee verklungen, die damals zur Feier des Tages angestimmt wurden. Am Beginn dieses Jahres stand das Stelldichein mit einem Buchautor. Thema seiner Arbeit: Die Schlacht von Aspern (im Lichte neuer Erkenntnisse). Bei einem gemeinsamen Lokalaugenschein bot sich die Möglichkeit, das Haus Mailergasse 12 besichtigen zu dürfen. Die 1955 vorgebrachten Einwände erwiesen sich dabei als richtig. Das Gebäude wurde allerdings in der Zwischenzeit einer umfassenden Renovierung mit einigen Umbauten unterzogen. Doch der in Originalberichten erwähnte Pferdestall, der sich unterhalb des Sterbezimmers von Marschall Jean Lannes befunden haben soll, ist noch heute als solcher an den Deckengewölben deutlich erkennbar. Wie uns der Hausbesitzer freundlicherweise mitteilte, wären die Halfterringe, an denen die Pferde angehängt wurden, erst vor wenigen Jahren entfernt worden. Die Deckengewölbe in den Wohnräumen weisen es als behagliche Wohnstätte der Braumeistersfamilie aus. Als eindrucksvoller Zeuge ziert noch heute das Wappen des Brauherrn mit den Initialen IGV (Johann Georg Uhl) den Torbogen zum Abstieg in den Hauskeller. Würdiges Szenarium für einen schwerverwundeten und verdienstvollen Marschall der französischen Armee und Herzog von Montebello. Auf persönliche Anordnung seines obersten Kriegsherrn und Generalissimus hierher gebracht, wird in zeitgenössischen Berichten diese Stätte als die beste Unterkunft im Umkreis bezeichnet. (Napoleon bewohnte den Thürnlhof). Aus den Aufzeichnungen eines Apothekers der französischen Armee ist auch ersichtlich, daß sich die Ärzte keiner Hoffnung hingaben, das Leben des Marschalls retten zu können. Er hatte mit großer Standhaftigkeit die Amputation des rechten Schenkels ausgehalten, aber die Kugel hatte auch das linke Knie gestreift und die Kniescheibe zerschmettert.

Eine zweite Amputation mußte in Erwägung gezogen werden. Bösartiges Fieber stellte sich ein. Napoleon hatte den zu Tode ermatteten Marschall schon zweimal besucht. Beim letzten Besuch verlangte der Herzog, daß sich die Anwesenden in das angrenzende Zimmer zurückziehen, die Türen aber geöffnet bleiben mögen. Als er mit dem Kaiser allein war, rief er ihm alle Dienste, die er geleistet, in das Gedächtnis zurück und sprach dann etwas lauter, daß es auch diejenigen vernehmen konnten, die sich im Nebenzimmer aufhielten: „Ich sage es Dir nicht, um Dich für meine Frau und Kinder zu interessieren. Das habe ich nicht nötig, denn ich sterbe für Dich. Dein Ruhm macht es Dir zur Pflicht, sie zu beschützen, und ich fürchte nicht, Deine Gesinnung in dieser Hinsicht zu ändern, wenn ich Dir jetzt die letzten Vorwürfe der Freundschaft mache. Du hast einen großen Fehler mit diesem Krieg begangen. Er beraubt Dich Deines besten Freundes, aber er wird Dich nicht ändern. Dein unersättlicher Ehrgeiz wir Dich vernichten, Du opferst ohne Notwendigkeit, ohne Schonung, ohne Bedauern, die die Dir am besten dienen. Deine Undankbarkeit entfernt von Dir selbst die, welche Dich bewundern. Du hast nur noch Schmeichler um Dich, und ich sehe nicht einen Freund, der Dir die Wahrheit zu sagen wagte. Man wird Dich verraten, Dich verlassen; beeile Dich, diesem Krieg ein Ende zu machen. Verzeihe einem Sterbenden diese Wahrheiten. Dieser Sterbende liebt Dich über alles.“ Als der Marschall seine Rede beendet hatte, reichte er dem Kaiser die Hand, die dieser weinend küßte und sich wortlos verabschiedete. So können wir heute mit einer gewissen Sicherheit annehmen, daß in diesem Hause, Mailergasse 12, letztes Reststück des einstigen Mühlbergerhofes, jene prophetischen Worte des sterbenden Marschalls erklangen, die dann in tragischer Weise ihre Erfüllung finden sollten.



Zur Geschichte des Mühlbergerhofes – früher Mailergasse 5:
Heute längst vergilbte Urkunden überliefern uns, daß schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf dem Mühlbergerhof Bier gebraut wurde. Um 1670 erwarb der kaiserliche Großbuchhändler Michael Müller von Mühlberg, von dem sich der Name des Hofes ableitet, diesen Besitz. Er ließ die Brauerei von einem von ihm bestellten Bräuer bestellen, während er in der Stadt für den Vertrieb des Bieres sorgte. 1685 kaufte Graf von Thurn-Valsassina das durch den Türkenkrieg beschädigte Anwesen. Die Besitznachfolge trat 1716 des Grafen Bräuer, Johann Georg Uhl, in weiterer Folge seine Erben an. 1868 kaufte diese Liegenschaft der Hotelbesitzer „Zur Stadt Frankfurt“ in Wien, Bernhard Stippberger, der den Brauhausbetrieb stillegte und die ehemalige Mälzerei an den Brauhausbesitzer Dreher in Schwechat verpachtete, bis dann 1924 die endgültige Auflösung dieser Realität erfolgte. Der Schornstein des Brauhauses wurde gesprengt, und der Vater des heutigen Besitzers erwarb 1927 das heutige Haus Mailergasse 12.“